Hier-und-Jetzt

Das Hier-und-Jetzt
... wäre nichts ohne seine Vergangenheit. Ein von seinem nährenden Baum losgelöstes Blatt vielleicht, das haltlos sich von jedem Windhauch treiben läßt.

Es hat sich ziemlich aufgeblasen in der heutigen Zeit. "Alles, was wir tun können, können wir nur 'im Hier und Jetzt tun'..", hört man allerorten, wo sich Menschen zusammentun, die etwas Neues wollen.

Ja, das stimmt natürlich. Nur JETZT können wir agieren. Nur JETZT können wir eine Veränderung einleiten - die Richtung ändern - den Samen pflanzen..

Ja, das ist richtig - allein schon deshalb, weil es einfach ist.

Und doch wissen wir, daß "Heilung" nur stattfinden kann, wenn die Wunden der Vergangenheit geheilt sein werden und die Ängste unseres Inneren Kindes ein Ende haben.

Auch das Hier-und-Jetzt wird bereits im nächsten Augenblick zu seiner eigenen Vergangenheit, wo es dann ein weiteres Bindeglied bildet hin zu seinen unendlichen Vorgängern. Alles, was ist, ist das Resultat der Vergangenheit.
Wichtig zu wissen, daß auch wir im Hier-und-Jetzt immer diese Perlenschnur mit uns herumschleppen, die bis weit in vergangene Ahnenwelten hineinreicht. Wir schöpfen bei allem was wir tun aus dieser Erfahrung, ob wir es nun wollen oder nicht - bewußt oder unbewußt.
Auch das ist einfach.

Wenn wir jetzt noch realisieren, daß der größte Inhalt dieser gespeicherten "Daten" uns gar nicht bewußt ist, bekommen wir einen gewissen Respekt - und werden unseren Verstand vor allzu voreiligen Schlüssen warnen.
Denn auch wenn der etwas anderes behauptet - auch wenn er glaubt, das Vergangene sei unwichtig, altmodisch und nicht zeitgemäß - auch wenn ihm das sehr leicht fällt in seiner Abgehobenheit - so bleibt doch dieses unterschwellige Gefühl einer Lüge bestehen, das aus einem tieferen unbewußtem Ge-Wissen quillt.

Sind wir wirklich bereit, dem Hier-und-Jetzt die Krone der Schöpfung aufzusetzen? Oder ist das Blasphemie?
Wer sind wir, daß wir manchmal vergessen, woraus und wodurch wir geworden sind zu dem, was wir sind?
Hat uns der "mainsteam" schon so im Griff? Ist uns "Vergangenheit" ein Gräuel, an das wir uns nur ungern erinnern? Haben wir uns dem nährenden Boden schon so enthoben und uns den Stürmen des Zeitgeistes hingegeben?
  
Als ich mich vor Jahren mit einem jungen Menschen unterhielt - und dabei unbedarft das Wort "Heimat" aussprach, stutzte dieser und unterbrach mich. Er verstünde unter Heimat etwas anderes, nämlich einfach das, wo er gerade sei.

Damals war der Tiefgang des Gespräches zu gering, um ihm meine Definition für Heimat nahezubringen. Ich hätte das vermutlich auch gar nicht vermocht, denn erst später habe ich eingesehen, daß jeder ein Recht auf seine eigene Version von Irgendetwas haben darf.

Warum ist mir das wichtig? Warum erschrecke ich manchmal so kurz und ganz inwendig, wenn sich in mir das Wort Heimat meldet? Als ob es mich ruft - leise, als wollte es mich nicht stören, aber immer öfter klingt es mir wie: bitte vergiß mich nicht...
Es kommt mir so vor wie - als ob gerade jetzt - im Hier-und-Jetzt - in dieser Zeit des Wandels - seine Stimme deutlicher wäre - wer weiß...

"Herkunft, mein liebes Hier-und-Jetzt, ist alles - vor allem das, was Dich ausmacht. Hast Du das vergessen?
Herkunft ist nicht nur Vergangenheit - ist ein Gefühl des Verwurzeltseins, der Sicherheit, die Dir hilft, die Bodenhaftung zu behalten , bei Dir zu bleiben, zu Dir zu stehen. Sie macht Deine innere Stimme wieder hörbar, die allen Verlockungen und Abschweifungen des Lebens standgehalten hat."

Ankommen - dort, wo Heimat ist.

Alles, was wahr ist ist einfach.

Wir sind das Produkt unserer Vorfahren, tragen bewußt oder unbewußt deren Erinnerungen weiter. Unser erstes "Kulturgut", die Sprache, die wir als Ungeborenes bereits im Mutterleib hörten, stimmte uns schon vor der Geburt ein in den Lebenskreis, der vor uns liegt. Es ist unsere Muttersprache. Wo wir sie hören, fühlen wir uns geborgen. Wenn wir sie benutzen, sind wir uns ihrer wunderbaren Ausdruckskraft und Präzision bewußt.
Wenn unsere Schritte größer werden, erkunden wir das Land, das uns der Vater zeigt. Es ist unser Vaterland. Sein Wirken ist im Außen, im Beschützen und Bewahren der mütterlichen Geborgenheit. Er lehrt uns Achtung, Verantwortung und sorgt für unseren aufrechten Gang.

Wie kann man Heimat definieren?
Auch das ist einfach: Zwei Worte genügen: Muttersprache - Vaterland.

"Hast auch Du eine Heimat, liebes Hier-und-Jetzt?
Bitte vergiß nie, wo Du hergekommen bist. Ohne Deine Herkunft bist Du nichts. Aber wenn Du eine Heimat hast, dann steh zu ihr. Sie wird Bestandteil sein Deiner Ausstrahlung, Deiner Glaubwürdigkeit und Deiner Kultur.
Sie macht Dich zu einem Menschen, der souverän und authentisch ist...

Noch eins: Sei Dir der Verantwortung bewußt, daß auch Du eines Tages Quelle sein wirst, aus der Deine Nachfolger schöpfen werden. Und es wird gut sein, daß Du die Quelle Deines eigenen Soseins noch im Herzen trägst, denn dann wird auch Dein Im-Hier-und-Jetzt-Schöpfen den Urgrund Deiner Existenz weitertragen, der einst die reine Liebe war..."

 

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